Gewohnheit ist kein Symptom, sondern Gewohnheit

Nicht immer nur Symptom

In unserem Kampf gegen Prokrastination ist uns stets die Annahme hilfreich, dass das Aufschieben als ein Symptom, Warnsignal und Hinweisgeber zu werten ist. Mit dem Selbstanalyse-Tool LEZGO! gelingt es uns regelmäßig, die unzureichend vorbereiteten, verletzlichen Aspekte unseres Handlungs- oder Entscheidungsprojektes zu identifizieren. Manchmal aber kommt es vor, dass auch nach einer Sanierung der kritischen Punkte das Prokrastinieren sich fortsetzt. Haben wir nicht intensiv genug gesucht, oder nicht umfangreich genug behandelt?

All das ist natürlich möglich. Wir sollten aber nicht außer Acht lassen, dass vor allem bei lang andauernder Prokrastination der Drang zum Aufschieben längst nicht mehr den Wunsch nach Vermeidung, nach Zeitgewinn oder Entspannung ausdrückt, sondern das Ergebnis einer klassischen (Pawlowschen) Konditionierung, also eine Gewöhnung an eine Gewohnheit geworden ist:

Beispiel:

– Eine Herausforderung stellt sich uns (vorzugsweise in einer schon bekannten Thematik),

– typische Begleitumstände wie Schwierigkeit, Zeitrahmen, Umfang etc. sind wie immer gegeben,

– die reflexhafte Nutzung der Option „Aufschieben“ besetzt die „Pool-Position“ unter all den anderen Handlungsoptionen,

und prompt werden die übrigen Parameter nicht mehr ernsthaft in Betracht gezogen, ihre Überprüfung wird kurzerhand übersprungen. Das Aufschieben gewinnt.

Ein paar wenige Begleitumstände reichen aus, um das Reaktionsmuster „Aufschieben“ in Gang zu setzen. Der Weg dahin führt über die klassische Konditionierung“und die operante Konditionierung hin zum unkonditionierten Lernen eines Verhaltens.

Das Gehirn hat „Aufschieben“ gelernt

Konditionierung ist die einfachste Form assoziativen Lernens, d.h. der Verknüpfung zwischen Reizen. Dabei werden zwei Reize direkt hintereinander präsentiert, wobei der erste ein Reiz ist, der normalerweise keine Reaktion auslöst, der zweite einer, der üblicherweise eine Reaktion hervorruft. Werden diese zwei Reize mehrfach präsentiert, so wird irgendwann bereits der erste Reiz allein die eigentlich zum zweiten Reiz gehörende Reaktion hervorrufen. Es hat sich eine Assoziation, Verknüpfung, zwischen dem ersten bedingten Reiz (conditioned stimulus) und dem zweiten unbedingten Reiz (unconditioned stimulus) gebildet.

Beispiel: Ein Hund sieht Futter (ein „unbedingter“ Reiz). Der Speichelfluss setzt ein (eine „unbedingte“ Reaktion). Fortan wird eine Glocke geläutet („bedingter Reiz“), bevor der Hund das Futter sieht („unbedingter“ Reiz). Bereits nach kurzer Zeit hat der Hund die Assoziation „Glocke=Futter“ gebildet. Allein das Läuten der Glocke wird von nun an seinen Speichelfluss auslösen. Heute arbeiten nach diesem Konzept alle Hundeprofis und -flüsterer entsprechend mit „Leckerli“ und „Knacker“).

Dass solche Lernprozesse ihre erkennbaren Spuren in der Biologie unseres Gehirns hinterlassen, hat spätestens die moderne Gehirnforschung mit ihren bildgebenden Apparaten bewiesen. Seitdem sprechen wir von der „Neuroplastizität“ des Gehirns, die sich im MRT und durch „Neurofeedback“ nachweisen lässt.

Wichtig für uns im Rahmen der Prokrastinationsüberwindung ist dabei die grundsätzliche Erkenntnis: Sich an die „Handlungs“-)Option Prokrastination zu gewöhnen ist das Ergebnis eines Lernprozesses, der sich in entsprechend involvierten Regionen unseres Gehirns und deren Zuordnung als materielle Umformung niederschlägt. Der nur scheinbar rein mentale Prozess zeigt gleichzeitig eine körperlich biologisch definierbare Struktur.

Hieraus ergibt lässt sich ablesen, warum zwar der Wille („Geist“) willig sein kann, das „Fleisch“ aber schwach ist: Sie beide führen unter bestimmten Voraussetzungen ein Eigenleben, das für eine nachhaltige Veränderung wieder in Verbindung gebracht werden muss.