Ein bisschen vom süßen Nichtstun naschen

Dolce far niente, das süße Nichtstun, könnte der Gegenentwurf für ein krampfhaftes Prokrastinieren sein. Das ungeliebte, unerledigte und lange vor sich hergeschoben Thema wird endlich ganz aktiv zu den Akten gelegt und gegen genussvolles Nichtstun eingetauscht. Das könnte sogar gut gehen, wenn wir nicht selbst das alte Thema ungewollt wieder ausgraben würden. Kierkegard meinte dazu: „An sich ist Müßiggang durchaus nicht eine Wurzel allen Übels, sondern im Gegenteil ein geradezu göttliches Leben, …“, aber er konnte sich den Nachsatz nicht verkneifen: „… solange man sich nicht langweilt.“

Das, was als Thema immer noch anhängig ist, wird uns vermutlich auch weiterhin noch beschäftigen, und daran merken wir, dass wir es nicht in Luft auflösen können. Und dass wir kein völlig ungetrübtes Verhältnis zum Nichtstun haben. Erziehung, Glauben, Gesellschaft und das eigene Sich-in-die-Pflicht-nehmen ziehen uns wie am Nasenring durch die Beschäftigungs-Arena, auch wenn wir gerne uns im Schlaraffenland suhlen würden. Hierin liegt vielleicht auch der Grund für die immer wieder geäußerte Unterstellung, dass ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ schon deshalb unrealistisch sei, weil sich jeder sofort auf die faule Haut legen, und ein ganzes Volk in Unproduktivität verkommen würde. Der Gehalt dieser Dauerdebatte leidet dummerweise einerseits an der ungleichen Verteilung der diesbezüglich relevanten Daten- und Faktenkenntnis, dann an der ideologischen Motivation, und schließlich an der Negierung des Unterschieds zwischen Nichts-Tun und Nicht-Tun. Hier aber scheidet sich die Spreu vom Weizen, auch für den Prokrastinierer. Denn wenn er aufschiebt, tut er ja nicht nichts, sondern einfach etwas anderes, dem er nicht unbedingt seine Wichtigkeit, durchaus aber sein Wohlgefallen zuweist.

Ich finde, das Leben ist nicht nur harte, selbstverleugnende Arbeit, sondern auch Genuss, Spaß und Lebensfreude. Wer sich dies alles in spartanischer Weise versagt, wird auch an der Arbeit wenig Freude haben, und sie gerne vor sich herschieben. Ein gutes Mittel gegen drohende Prokrastinationsbereitschaft ist daher: Pause und Enspannung, Platz für Regenerierung und lustvollen Austausch. Übrigens: Die Zeitspanne, innerhalb derer eine Tätigkeit mit Freude, Konzentration, Produktivität und relativer Fehlerfreiheit durchgehalten werden kann, liegt gehirntechnisch bei ca. 25 – 30 Minuten. Dann schaltet das Gehirn automatisch und meist unbemerkt in einen rekapitulativen Modus, der einen Gutteil der Aufmerksamkeit in das Verarbeiten des gerade Bearbeiteten umlenkt, und der ca. 5 – 10 Minuten andauert. Es ist daher durchaus sinnvoll, den Arbeits- und Pausenrhythmus diesen physiologischen Gegebenheiten anzupassen.