Und wenn es Angst ist?

Der LETZGO!-Prozess macht erkennbar, welches die Widerstände sind, die ein Aufschieben auslösen. Und wenn diese sich nun als

Angst

entpuppten?

Angst ist  bekannt als ein mächtiges und fundamentales Instrument im Überlebenskampf und wird so auch im Kopf, vor allem aber als körperliches Gefühl erfahren. Tatsächlich rücken Herzklopfen, schlotternde Knie, Unwohlsein in der Magengrube, feuchte Hände und der kalte Schweiß auf der Stirn so massiv in den Vordergrund, dass wir bereits an ihrem Auftauchen „merken“, dass wir Angst haben. Und Angst haben bedeutet die Tendenz, vorsichtig zu sein, sich zurückzuhalten, nicht weiter zu gehen, lieber umzukehren.

Angst schaltet vor allem die Ratio aus. Der Verstand würde vielleicht andere Maßnahmen vorschlagen, vernünftige Überlegungen einbringen wollen und meist auch können. Aber er kommt nicht zu Wort. Kann sich nicht durchsetzen. Angst hat ihre eigenen Instrumentarien, und will sie einsetzen. Lieber schlecht überleben als unvorbereitet den Helden spielen. Da bietet sich Aufschieben an: „Später“ fühle ich mich der Situation sicherlich besser gewachsen. Nur ein kleines bisschen Bedenkzeit noch, nur bis „morgen“.

Der Verstand weiß, dass heute immer der bessere Tag ist, weil ja auch „morgen“ sich wieder als ein „heute“ präsentieren wird, das uns die fällige Entscheidung oder Erledigung abverlangt. Der Verstand weiß, dass die erbarmungslose Klarheit der Erledigung entgegen kommt, das verschwommene „Morgen“ gerade für Träume und Wunschvorstellungen ausreicht. Aber der Verstand hat hier nichts auszurichten, und die guten Ratschläge gehen ins Leere. Denn Prokrastination ist in der Schaltstelle Gehirn nicht Sache des denkenden Cortex, sondern des führenden limbischen Systems.

Was aber hilft?

Wir dürfen Angst nicht als Feigheit schlechtreden, dafür ist sie zu wertvoll: als Hinweisgeber – nicht vorrangig für die sich äußerlich darstellende Situation, sondern für unser inneres Konzept. Nicht die Umstände lassen unsere Hände feucht und den Hals trocken werden, es sind die Fantasien, die von alten Vorerfahrungen losgetreten und weitergesponnen werden.

Kommen wir also wieder zurück auf den Boden der Tatsachen: unserer vielfältigen Kapazitäten des Bewältigens, des Überlebens, des Meisterns von Situationen. Unsere Kreativität, unser Spaß an Herausforderungen, unser Stolz. Machen wir uns klar: Was habe wir an Möglichkeiten? Was können wir ergänzen? Wo und von wem bekommen wir Unterstützung? Und spüren wir in uns nach, wie es sich anfühlen würde, zu kneifen, oder mit welchen befreienden Gefühlen das „ich tu’s trotzdem“ verbunden wäre.

Das Gefühl der Angst sollte uns nicht an dieser Stelle stehen bleiben lassen. Treten wir in Kommunikation – nicht vorrangig mit dem betreffenden Projekt, sondern mit uns selbst, und wie wir die Angst, wenn sie nun einmal da ist, mitnehmen und einbinden können – als wachsamen Begleiter, nicht als Verhinderer.

Der Umgang mit der Angst wird in aller Regel ein zweifacher sein:

Die Beherrschung der akuten Angstmomente, sodass die entstandene Situation beherrschbar wird, und

Die Bemühung, die Ursachen der Angst oder deren gegenwärtig aktiven „Ableger“ zu identifizieren und zu erfragen bzw. die darin enthaltenen Energien positiv umzuwandeln.

 

Angst ist einer der wirkungsvollsten Prokrastinations-Auslöser und insofern auch in der Prokrastinations-Behandlung ein zentraler Ansatzpunkt.