Wieso gibt es unterschiedliches Prokrastinieren?

„Prokrastination ist eine tief greifende Arbeitsstörung, eine Störung der Selbststeuerung, die nicht gleichzusetzen ist mit alltäglichem Aufschieben, das fast alle Menschen bei Aufgaben, die Ihnen im Moment widerstreben, hin und wieder von sich kennen.“ Diese Definition stammt von dem Psychotherapeuten Stefan Förster an der Universität Münster, uns in diesem Sinne sieht und behandelt pro-cras-Coaching das Aufschiebesyndrom in seinen unterschiedlichen Ausformungen:

Pathologische Prokrastination: Hier äußert sich eine besondere Art des Aufschiebens, das sich als veritables Zwangsverhalten einer bewussten Steuerung und Kontrolle entzieht. Kommorbide Begleiterscheinungen wie depressive Belastungen, Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsdefizit etc. machen eine professionelle Behandlung notwendig.

Die Wirksamkeit psychotherapeutischer Ansätze aus der Verhaltenstherapie und Psychoanalyse, aber auch komplementärer Methoden wie der Psychosynthese zeigen, in welchen seelischen Bereichen die Störung verankert ist. Mentaltechniken, Entspannungsmethoden, Yoga, TaiChi und weitere Methoden des Körper/Geist-Trainings können hier unterstützend bis heilend wirken. Da in der pathologischen Prokrastination offenbar eine energetische Dysbalance sichtbar wird, sind auch Methoden der energetischen Heilung zielführend: Qigong, Akupunktur, Homöopathie, Bachblüten, spirituelle Riten und Gespräche können unter Berücksichtigung der persönlichen Überzeugungskoordinaten zielführend sein.

Administrative Prokrastination: Behördlich verordnete Erledigungen wie beispielsweise die Erstellung und Abgabe der Steuererklärung rüfen nicht selten innere Widerstände wach, deren Entsprechung in alten Kindheit- oder Schulerfahrungen zu finden ist. Hierunter fallen auch überfällige Rechnungen und deren bedrohliche Folgerungen, die je gefährlicher sie daherkommen, umso gründlicher negiert werden.

Auch hier zeigen Methoden der Verhaltenstherapie, psychoanalytische Ansätze und Mentaltechniken zur Stärkung des Selbstwertes die besten Erfolge. Gleichzeitig ist es oft begleitend wichtig, die schädlichen Folgen, die aus der Nichteinhaltung behördlicher Anforderungen drohen, in praktischem Verhaltens-Coaching abzuwenden.

Akademische Prokrastination: Wenn auch die Zahl nicht abgesichert ist, so wird in der studiengestützten Fachliteratur davon ausgegangen, dass mindestens 90% der Studierenden im Laufe ihrer Studienzeit der Versuchung des Aufschiebens erlegen sind. Manche Studiengänge wie z.B. die der Jurisprudenz scheinen dafür geradezu prädestiniert zu sein. Aber auch sonst überall dort, wo lange Erledigungszeiträume auszuhalten sind, bei mehrwöchigen Hausarbeiten, Bildungsgängen oder weit entfernt scheinenden Prüfungen haben wir es mit Formen des akademischen Prokrastinierens zu tun. Tatsächlich ist im akademischen Rahmen die Datenerhebung lediglich leichter und für Studienzwecke verfügbarer als in betrieblichen Kontexten. Die dort gemachten Beobachtungen zeigen jedoch, dass in allen untersuchten Firmen und Institutionen die Aufschiebetendenzen ähnlich hoch entwickelt sind.

Im Rahmen der studentischen und psychologischen Betreung gibt es an einigen Universitäten eine Prokrastinationsambulanz. Darüber inaus werden eine Vielzahl von Arbeitsgruppen, aber auch technische und organisatorische Hilsmittel, Apps etc. angeboten. Ähnlches fehlt in den betrieblichen Kontexten gänzlich, so dass die Betroffenen sich Rat und Hilfe in der allgemeinen Gesundheitsindustrie beschaffen müssen.

 Funktionale Prokrastination: Sie kommt der ursprünglichen Bedeutung der Prokrastination im Rahmen der altrömischen Kriegsführung am nächsten: Ein strategisch-taktierendes Abwarten, um die eigene Handlungsposition zu verbessern. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, wenngleich die Reputation und soziale Anerkennung nicht immer spontan positiv ausfällt: Zögerlichkeit und Zaudern oder „Abwarten und Teetrinken“ und „Aussitzen“ sind eben weniger spektakulär als deutlich erkennbarer Aktionismus. Funktionale Prokrastination nähert sich insofern solchen Tugenden an wie Besonnenheit, Beherrschtheit oder Syphrosyne, und ist damit das diametrale Gegenteil der pathologischen Prokrastination.

Funktionale Prokrastination kann sehr leicht als bequem und ökonomisch der tatsächlichen Problemlösung vorgeschaltet werden, um sie später dann auch vollständig zu ersetzen. Es ist daher möglichst kritisch zu hinterfragen, ob wirklich nur sachliche, oder nicht auch opportunistische Beweggründe für das Aufschieben herhalten müssen.