Die Schöpfung: Wie Prokrastination so abläuft

Manche Projekte sind wirklich sehr vielschichtig und voller Stolpersteine. Wo diese für den Aufschieber lauern, und wie man sie umgehen kann, zeigt uns diese alternative „Schöpfungs“-Geschichte:

Protokoll einer „gelungenen“ Prokrastination

„Projekt WELT ERSCHAFFEN (Arbeitstitel: Genesis) – Abgabetermin: in 6 Tagen

Erster Tag: Habe da ein echtes Prestige-Projekt an Land gezogen! Ziemlich komplex, aber echt spannend. Eigentlich müsste ich jetzt Himmel und Erde in Bewegung setzen, mich gründlich schlau zu machen. Licht in die Angelegenheit bringen. Das darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen! Also morgen in aller Herrgotts-Frühe an die Arbeit!

Gute Planung ist grundsätzlich wichtig. Aber Vorsicht:   Der innere Schweinehund folgt gerne jeder noch so unwichtigen Spur. Gute Vorbereitung sind: To-Do-Listen, Materialbereitstellen, Kompetenz prüfen, Hilfsmittel und Helfer organisieren, Zeitplan aufstellen. Nicht dazu gehört: Katze füttern, Geschirr spülen, Wimpern zupfen, Kaffeemaschine entkalken ...

Zweiter Tag: Ein Tässchen Kaffee soll angeblich die Schaffenslaune heben. So etwas wie Wasser wären jetzt nicht schlecht. Dass das erst noch erfunden werden muss – unglaublich! Was ist das nur für eine Planung. Also erstmal das Gesamtprojekt umschreiben: So kann man doch nicht arbeiten!

Nur bei wirklich handfesten Gründen ist es hilfreich, das Gesamtprojekt in Frage zu stellen. Kleine praktische Änderungen, Ergänzungen oder Streichungen sind Teil der o.g. Vorbereitung.

Dritter Tag: Jetzt ist zwar Wasser da, aber keine Kaffeebohnen. Überhaupt: Keine Pflanzen! Dieses Durcheinander macht mich ganz fertig. Jetzt ist erstmal schöpferische Pause angesagt. Morgen habe ich dann einen freien Kopf. Vielleicht sollte ich zur Entspannung en bisschen Musik erschaffen? Oder eine Planungskommission einsetzen? Weiß jemand, wie man das macht? Kann mir jemand das Wort ‚verzetteln‘ erklären?

Dass der morgige Tag besser geeignet sein soll, ist eines der ewigen Prokrastinations-Märchen. Heute ist der beste Tag für das, was heute getan werden kann, und am besten: Jetzt. Verzetteln ist ein Planungshindernis, das in viele Einzelzettel zerfällt. Das Gegenmittel heißt: MindMap. Das organisch wachsende Planungsgebilde entspricht perfekt der assoziativen Arbeitsweise unseres Gehirns, und auch die Visualisierung kommt ihm perfekt entgegen.

Vierter Tag: Endlich – die Sonne hängt an ihrem Platz, ich werde sogar schon langsam braun. Im Mondschein heute Abend könnte ich ein bisschen um die Häuser ziehen, das hilft mir beim Stress. Schade, dass es die noch gar nicht gibt – muss ich mich sofort drum kümmern – beziehungsweise morgen.

Sonnenschein muss nicht unbedingt vom Projekt abhalten. Versuchen Sie ein sowohl als auch zu finden: Planungsarbeiten, Internet-Recherchen per WLAN, Grundlagenarbeit befriedigt u.U. das Bedürfnis nach Erholung und Fortschritt im Projekt. Den abendlichen Kneipengang mit anschließendem Absturz sollten Sich sich allerdings für später vornehmen: Alkohol untergräbt nachhaltig den Überblick und den Kampf gegen den inneren Schweinehund.

Fünfter Tag: Heute steht der ganze Tierkram auf dem Programm, und morgen dann die Menschen – das schaffe ich doch nie. Wenn ich bloß jemanden wüsste, der mir helfen könnte. Vielleicht sollte ich erstmal  was dazu googlen? (Idee: Hebe mir die Landtiere besser auch bis morgen auf. Mit Bonobos kann ich ja dann für Menschen üben…)

Sich Hilfe zu suchen ist immer eine gute Idee, auch das Internet ist voller nützlicher Ressourcen. Vorsicht: Googlen und Hilfesuchen gehört in die Vorbereitung - und: Im Internet hat man sich schnell verlaufen ...

Sechster Tag: Langsam krieg ich jetzt doch die Panik. Bis Mitternacht wollte ich eigentlich das Projekt abschließen und morgen ’nen schönen Baggersee dranhängen, aber im Moment habe ich überhaupt kein Land in Sicht. Das raubt mir jede Energie. Von Motivation ganz zu schweigen. Planung? Hauptsache, das Konzept steht. Und „Mensch“ geht vermutlich ganz easy – wird halt irgendwie wie ich – oder wie?

Selbstbelohnung ist wichtig - aber bitte erst, wenn alles abgeschlossen ist. Ein roter Faden, der das Projekt als "life line" begleitet, und auf den man immer dann zurückgreifen kann, wenn man sich im Zeit- und Faktendschungel verlaufen hat und feststeckt, ist die Lebensversicherung für das Gelingen des Projekts. Sie können den roten Faden zu jedem beliebigen Zeitpunkt an die Projektrealität anpassen - solange seine Anfangs- und Endpunkte erhalten bleiben.

Siebter Tag: Zum Glück hatte ich vor-vorgestern den Vollmond erschaffen! So hab ich bei Licht die ganze Nacht durchblitzen können. Adam war cool und hat zum Schluss noch Pizza und Zigaretten besorgt und Eva das ganze Schriftliche runtergetippt. Jetzt bin ich erledigt und fix und fertig, und dieses Wahnsinns-Projekt auch. Aber mal ehrlich: In der Kürze der Zeit ist es doch echt gut geworden – naja, wenigstens einigermaßen, finde ich jedenfalls. Nobody is perfect, sag ich immer! Also: Es geht! Jetzt muss mich dringend aufs Ohr legen.

Die Feinheiten machen wir dann morgen.“

Das Projekt ist gelaufen. Wie wär's jetzt mit einer Manöverkritik, denn die nächste Aufgabe kommt bestimmt, und mit ihr eine noch bessere Planung, Motivation, Vorbereitung, Zielausrüstung ...

Bei genauem Hinsehen ist die Schöpfung nach dem 6. Tag ja keineswegs abgeschlossen – im Gegenteil. Evolution findet als kreativer Prozess bis heute und ohne absehbares Ende statt. Auch Ihre to-do-Listen haben eher die Tendenz zu wachsen. Die nutzen Sie zwar, wenn Sie etwas abzuarbeiten haben, aber haben Sie auch eine konkrete Zielbeschreibung? „Welt erschaffen“ könnte ein lohnendes Ziel sein. Damit das gelingt, kommen auf die to-do-Liste nicht die Arbeitsschritte allein, sondern und vor allem die neben- und nachgeschalteten Details, die mit den Arbeitsetappen verbunden sind. So behalten Sie das Ganze im Auge – was bei einer Projekt-Dauer von mindestens 100 Mrd. Jahren ziemlich wichtig erscheint…