Wohlhabend, intelligent, unterfordert

sieht so der /die typische Prokrastinierer/in aus?

Um auch über einen längeren Zeitraum erfolgreich prokrastinieren zu können, sollte man doch über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, um sich von den Säumniszuschlägen, den Inkassogebühren und überhöhten Preisen frei zu kaufen, über ein reichhaltiges und kreatives Repertoire an raffinierten Umgehungsstrategie, und über ungenutzte Kapazitäten, um sich immer wieder neue Krisenherde einzurichten und sich mit deren Bewältigung zu beschäftigen.

So könnte man denken, wenn nicht auch das genaue Gegenteil richtig wäre

Konsequente Nichterlediger sind oft finanziell völlig erledigt und am Rand der materiellen Existenz angekommen, und die durchaus anerkannte Schläue wird auf kurzfristige Überlebensmanöver reduziert, während die so wichtigen Ressource der emotionalen Intelligenz sich mit dem Erleben von Ängsten und Enge begnügen muss – von der Komplexität des sich abzeichnenden Chaos völlig überfordert.

In der klassischen Prokrastination werden die träumerischen Erwartungen an das Leben mit der Wirklichkeit und der Möglichkeit der Enttäuschung konfrontiert

Der Schriftsteller Marcel Proust beschreibt dieses Phänomen („im Schatten junger Mädchenblüte“), wie sein „Held“ zuerst in unrealistische Planungsstrategien, dann in Selbstvorwürfe und Selbstbedauern, schließlich Schuldzuweisungen an die zufällig Mitbetroffenen verfällt.  In der Welt der Salons des 19. Jahrhunderts versteht es der Held noch, seiner Großmutter mit ihrer sanften Nachsichtigkeit die Verantwortung für sein Nichterledigen anzuhängen. Heute allerdings wird ein durch scheinbar banales Nichtkönnen oder Nichtwollen ausgebremstes Kollegenteam sich sein termingebundenes Projekt nicht ungestraft aus der Hand schlagen oder mit Vertragsstrafen belegen lassen. Kollegenfrust, Mobbing oder Abmahnung sind viel eher für den Prokrastinierer die konkreten Bedrohungen aus seiner ungeklärten Aufschiebe-Problematik.

Administrative Prokrastination ist menschlich verständlich, aber gesellschaftlich und betrieblich inakzeptabel

So wie „Feigheit“ nicht als die hocheffiziente Überlebens-Strategie Anerkennung findet, so kann auch der Prokrastinierer nicht auf Verständnis oder gar Unterstützung hoffen. Ein anfangs möglicherweise noch zuerkannter Welpenschutz ist in der Regel schnell aufgebraucht, und ein „erwachsener“ Umgang mit auftretenden Hindernissen wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Dabei ist gerade in den besonders folgenreichen Fällen von „administrativer“ Prokrastination die „Feigheit vor dem Papier/Brief/gelben Umschlag/o.ä.“ ein Zustand, in dem die Option der „mannhaften“ Konfrontation schon lange abgeschaltet ist. Der hilft auch dann nicht mehr der kameradschaftliche oder auch ernsthafte Ruf zur Ordnung nicht mehr wirklich: Er aktiviert lediglich die sonstigen kreativen Überlebensstrategien und -Taktiken. Im Sinne einer projektkonformen Erledigung wäre jetzt ein gezieltes Prokrastinations-Coaching angesagt.