Wofür Prokrastination dringend brauchen

Manche Menschen meinen ja, Prokrastination sei so wichtig wie ein Kropf: Sie irren. Natürlich wäre uns die Welt angenehmer, wenn alles glatt von der Hand liefe, und Blockaden stehen dem definitiv entgegen. Aber nicht ohne Grund habe ich in anderen Beiträgen daauf hingewiesen, dass Prokrastination ein Syndrom, eine Reihe von Symptomen darstellt, die etwas bedeutsames über uns und unsere Position gegenüber der anstehenden und vorerst aufgeschobenen Erledigung mitteilen wollen. Auf welcher Eben sich der „Haken“ befindet, auf einer kognitiven, emotionalen, volitionaler, gesundheitlicher oder organisatorischer, das zeigt sich beim Durchgang durch den LEZGO!-Check, wobei das !-Ausrufezeichen angesichts der schon davor identifizierten „Baustellen“ leicht zu kurz kommt.

Die Stimme hinter dem „später“

Etwas aufzuschieben sagt zweierlei: 1. Ich lehne die Erledigung oder Entscheidung nicht grundsätzlich ab, und: Ich will oder kann es nicht jetzt tun. Die Stimme hinter dem „später“ gibt uns zu verstehen, dass da noch etwas fehlt, oder etwas zuviel ist – eine Fähigkeit, eine Emotion, eine Grundannahme, ein Zustand. Das Prokrastinieren, das Einbauen eines Verzögerungsmoments dient als letztendlich dem Ziel, das Ergebnis der

Erledigung bzw. Entscheidung in seiner Qualität zu verbessern bzw. mich vor den Folgen eines nicht wunschgemäßen Ergebnisses zu schützen und deswegen zunächst nicht an etwas heranzugehen. Was hier aber durchaus auch laut und deutlich zur Sprache kommen kann ist u.U. der Wille, dass etwas jetzt nicht getan oder entschieden wird, ohne dass mir dies im Moment ausreichend klar ist, um eine sofortige Ablehnung formulieren zu können. Diese Nichterledigung durch Aufschieben erfolgt nicht aus einem Zustand der Inkompetenz oder sonstigen Defizits heraus, sondern aus der Sache an sich, die nicht getan oder entschieden werden darf, wozu es aber noch keine greifbaren Beschlüsse oder Argumente gibt. Ein Instinkt, ein Bauchgefühl, das mehr weiß als der Verstand, grätscht sich in den Erledigungsprozess, wobei meist nicht erkennbar ist, warum. Selbst der LEZGO-Check liefert zunächst kein abschließendes Ergebnis, solange das !-Ausrufezeichen nicht befragt oder nicht gehört wird.

Was macht den Unterschied?

Der LEZGO!-Check von L bis O ist vor allem an den subjektiven Befindlichkeiten des Probanden orientiert: Seine/ihre Erledigungskompetenzen stehen auf dem Prüfstand. Mit dem abschließenden !-Ausrufezeichen wird dem Projekt als solchem eine Stimme gegeben, unabhängig von der Befindlichkeit des/der Ausführenden. Das erscheint zunächst etwas mysteriös, weil in der Regel ja das Projekt als etwas leb- und stimmloses gesehen wird. Wir können aber getrost davon ausgehen, dass von lebenden Organismen erdachte und für lebende Organismen bestimmte Projekte den Geist ihres Ausgangs- und Zielpunktes in sich tragen und auch zum Ausdruck bringen. Wenn wir uns unter Zurückhaltung unserer eigenen Interessenlagen dem Projekt nähern, können wir durchaus sein „Eigenleben“ wahr nehmen. Und eben diese Wahrnehmungsfähigkeit kann dazu führen, dass wir, ohne seine ganze Komplexität überschauen zu können, einem Projekt in aller Stille und Radikalität unsere Zustimmung und unsere Mittäterschaft verweigern, und mangels weiterer Erklärbarkeit ein im LEZGO!-Prozess herausfindbares Defizit produzieren und vorschieben.