Prokrastination

Prokrastination, „Aufschieberitis“, Handlungs- und Entscheidungsblockade, Aufschiebgewohnheit, „Studentenkrankheit“: ein vom Betroffenen selbst herbeigeführtes, nicht vernünftig begründbares Aufschieben von Erledigungen oder Entscheidungen, selbst dann, wenn sie für den Betroffenen oder für das Ganze wichtig oder wesentlich sind.

Bei seiner großen Bandbreite zwischen strategisch vernünftigem, vertretbarem bis hin zum extensiven oder sogar existenzbedrohenden Aufschieben ist die Einordnung dieses Verhaltens schwierig, und damit auch seine Veränderung – die gleichwohl wichtig sein kann, zumal nicht nur der Betroffene selbst, sondern auch sein privates oder berufliches Umfeld in Mitleidenschaft gezogen bzw. geschädigt werden kann.

Allgemeine Prokrastination

Bei der allgemeinen Prokrastination sind die Gründe und Veränderungsansätze hauptsächlich in den Feldern der "technischen" Bewältigung zu suchen: Verfügbarkeit von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, Zielbeschreibung und Motivation, Organisation und Ordnung, Zeitmanagement etc., vielleicht auch dysfunktionale Überzeugungen.

Liegen allerdings affektive Gründe vor, belastende Erwartungen oder Erfahrungen, die von der Erledigung abhalten, kann dies in ein sich selbst bestätigendes Vermeidungsverhalten führen und pathologische Formen annehmen.
"Pathologische" Prokrastination

Pathologisches Prokrastinieren ist exzessives, oft auch chronisches Aufschieben, das pathologische Züge annimmt. Es ist gleichwohl nicht als eigenständiges Störungsbild in den internationalen Klassifikationen der Krankheiten und gesundheitlichen Störungen  ICD 10 und DSM V gelistet. Auf den ersten Blick hat pathologisches Aufschieben einiges mit der klassischen Zwangserkrankung gemein. So entstehen bei dem Versuch, emotional oder aversiv belastete Tätigkeiten vorzunehmen, negative Gefühle wie Angst und Panik, Anspannung, Scham oder Schuldgefühle. "Pathologisch" wird ein Verhalten dann, wenn es über einen längeren Zeitraum und mit nachteiligen Folgen von einem normalen Verhalten abweicht.

Pathologische Prokrastination zeichnet sich dadurch aus, dass die Betroffenen einem unwiderstehlichen Drang folgen, wichtige Erledigungen, selbst solche von existenzieller Bedeutung, nachhaltig vor sich her zu schieben. Anders als bei Zwangsritualen ist der Akt des Aufschiebens durchaus mit positiven Emotionen verbunden. Die Störung verläuft chronisch, oft über längere Zeiträume und wird in der Regel nur unzureichend diagnostiziert und behandelt. Epidemiologie, Differenzialanalyse, Behandlungswege und Erfolge sind bisher kaum dokumentiert.
"Administrative" Prokrastination

Wenn sich das Aufschieben an Formularen, Papieren, schriftlichen (meist unangenehmen) Mitteilungen festmacht, schafft das Vor-sich-Herschieben zwar kurzfristige Erleichterung, langfristig aber eine Vielzahl von Folgeproblemen, die mit ihrer Komplexität wiederum durch Aufschieben "gelöstt" werden. Ein Teufelskreis, dem man aus eigener Kraft kaum noch entkommt.
"Akademische" Prokrastination

Arbeits- und Ausbildungsgänge, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, und an deren Ende erst die Leistungskontrolle steht, werden nicht zielführend eingeteilt. Stattdessen wird lange Zeit verstreichen lassen und schließlich ein heldenhafter Endspurt hingelegt, der dann allerdings nur noch ein eher suboptimalen Ergebnis erlaubt. Diese (wie ein Klient sie nannte) "Endzeitarbeiter" finden sich an Schulen und Hochschulen, aber auch bei der Arbeit an Berichten, Präsentationen etc. Ob es sich hierbei nur um ein missglücktes und zu verbesserndes Zeitmanagement handelt, oder ob noch andere, tiefliegendere Gründe an einer kontinuierlichen Arbeit hindern, bringt die pro-cras-Intervention an den Tag.

Darüber hinaus lässt sich Prokrastination nach folgenden Bedürfnissen darstellen:

Perfektion: Für Beginn, Durchführung und Abschluss werden unrealistisch hohe Maßstäbe angesetzt, ohne die die Ausführung nicht lohnt. Dann muss noch der Erwerb besonderer Kenntnisse vorgezogen werden. Tatsächlich sollten aber die zugrunde liegenden Zweifel hinterfragt werden.

Emotionen: Mit der Aufgabenerfüllung sind bestimmte, meist unangenehme Erfahrungen oder Erwartungen verknüpft, die durch Aufschieben verhindert werden. Sie sind lebensgeschichtlich erworben; ihre Bedeutung für das aktuelle Projekt ist zu hinterfragen.

Motivation und Zielerfüllung: Können unterschiedliche Zielvorstellungen nicht in Übereinstimmung gebracht werden, kommen Vermeidungs- oder Verzögerungsstrategien ins Spiel. Die Auseinandersetzung mit Zielen (Motivation) kann ins Zentrum der Frage nach dem Sinn des Projektes führen.

körperliche und mentale Fitness: Antrieb und Durchhaltevermögen sind immer auch von der jeweiligen Widerstandskraft bestimmt. Hier kann Prokrastination durchaus zum Symptom werden, das ärztliche Überprüfung erfordert.

Organisation und Ordnung: In vielen Fällen wird eine nicht ausreichende Ordnung im prokrastinierten Projekt stellvertretend an anderer, besser überschaubarer Stelle hergestellt. Ein Übermaß an Ordnungsbedürfnis (sh. Perfektionismus) verweist auf Selbstwertdefizite.

"Aktion Eichhörnchen": Mittels Aufschieben bzw. Nichtbeenden eines Projekts wird dafür gesorgt, dass immer ein Restposten Arbeit und damit eine stetiger Beschäftigungsdruck übrig bleibt. Nicht selten standen hierfür autoritäre Erziehungsstile und -ideale Pate, die mit einem rigiden und übertrieben strebsamen Arbeitsverständnis die Vermeidung von Pausen oder Unterbeschäftigung einforderten: Aufrechterhaltung der Zuwendung gegen Kontinuität der Leistung!

Führung: Als Ausführender eine Führung zu brauchen bedeutet nicht notwendigerweise Unselbständigkeit, schließt sie aber auch nicht aus. Wenn fehlende "Führung" dadurch kompensiert wird, dass künstlich Druck erzeugt wird (typisch bei "Endzeitarbeitern"), weist das auf deutliche Defizite in der Projektführung und-beschreibung hin: Prokrastination im Projekt ist ganz unerwarteter Weise ein Indikator für mögliche Management-Schwächen!

Der „LEZGO!“-Check bietet einen Selbst-Test, der zu den akuten Einflussfaktoren führt.

Um Prokrastination zu überwinden, bieten sich, je nach der gegebenen Situation, die folgenden Behandlungswege an:

Weg 1: die Selbsthilfe

Nüchtern betrachtet ist der Versuch der Selbsthilfe eine nur begrenzt wirksame Option und nur angeraten, wenn das Aufschieben aus rein praktischen bzw. organisatorischen Gründen erfolgt. Ob dies für dich zutrifft, kannst du leicht im LEZGO!©-Check überprüfen.

In aller Regel jedoch erweist sich das Prokrastinieren als ein früh erworbenes, lebensgeschichtlich verankertes Verhalten: Den Wunsch, unangenehmen Tätigkeiten zu entgehen, erfüllt man sich in aller Regel bereits im jugendlichen Alter durch Vor-sich-Herschieben – aus Gründen der in der Pubertät eingeübten und sogar notwendigen Neuordnung von Prioritäten. Vor diesem Hintergrund wird man mit Selbsthilfe allenfalls die krassesten Falten an der Oberfläche glätten können. Das grundsätzliche Verhaltensmuster wird damit nicht verändert. Die Story des „Lügen“Barons von Münchhausen, er habe sich mitsamt seinem Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen, bleibt eben doch nur eine nette Geschichte.

Wer in seiner Erziehung oder Ausbildung vorzugsweise auf externe Wunscherfüllung trainiert wurde, wird sich dann, wenn eigenständiges Erledigen gefordert ist, immer schwerer tun! Diese Abhängigkeit von externen Steuerungsimpulsen wird leichter mit fachlicher Begleitung aufgelöst.

Weg 2: die pro-cras-Intervention

  • Beratung
  • Coaching
  • Organisationsberatung
  • Psychotherapie

Beratung

Arbeit mit dem Bestehenden

Beratung bedeutet für uns nicht, Rat“Schläge“ zu erteilen, sondern viel mehr, auf unbemerkte Wege und Betrachtungsweisen hinzuweisen, Alternativen aufzuzeigen, mit neuen Ansätzen und Ansichten bekannt zu machen. Beratung will nicht verändern, sondern allenfalls die Basis dafür schaffen.

Coaching

Arbeit mit dem Werdenden

Mit unserem Coaching wollen wir Menschen in ihren beruflichen, sozialen und privaten Kontexten bei der Erfüllung ihrer Herausforderungen und Zielsetzungen und ihren persönlichen Lebensaufgaben unterstützen.

Bei dieser lösungsorientierten Beratungsform geht es vor allem darum,

  • die persönliche Wirksamkeit zu erhöhen,
  • Lernen zu erleichtern,
  • Veränderungsprozesse anzunehmen,
  • Lebensqualität zu steigern,
  • persönlich zu wachsen.

Hierzu dienen uns

  • Verfahren der systemischen Therapie und Kommunikationstherapie,
  • NLP/NLPe,
  • wingwave®-Coaching,
  • Verhaltensmodifikation,
  • Zeit- und Selbstmanagementtechniken,
  • psychologische Testverfahren und
  • das Gespräch.

Organisationsberatung

Arbeit mit den Systemen

Hier werden die einer gegebenen Organisationsform („System“) zu Grunde liegenden Kommunikations-, Interaktions- und Verhaltensmuster einer Überprüfung und Neugestaltung unterzogen. Der Schwerpunkt liegt dabei weniger auf den prozessbedingten Abläufen als auf dem Zusammenwirken der einzelnen Akteure beim Zustandenkommen von Problemen und deren Lösungen. Ziel ist eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit, Effizienz und Produktivität einer wirtschaftlich oder verwaltend tätigen Einheit.

Psychotherapie

Arbeit mit dem Gewesenen

Prokrastination ist als eigenes Störungsbild nicht in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) gelistet. Sie kann gleichwohl differenzialdiagnostische Nähe aufweisen zu typischen psychischen Störungsbildern wie etwa 

Angststörung, depressive Episode, Verstimmung oder Störung, Aufmerksamkeitsstörung mit oder ohne Hyperaktivität, abhängige Persönlichkeitsstörung oder eine Anpassungsstörung. Hierbei kann ebenso ein ursächlich auslösendes Ereignis wie auch eine allmähliche Gewöhnung zu einem progressiven und intensiv (selbst-)schädigendem aufschiebenden Verhalten führen.

Psychotherapie ist ein Heilverfahren zur Behandlung von psychosozial bedingten, psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen, Störungen und Leidenszuständen. In meiner Heilpraxis für Psychotherapie und Coaching finden ausgewählte Methoden Anwendung, die dem Betroffenen ermöglichen, besser und schließlich aus eigenen Kräften mit sich und seiner Umgebung umgehen zu können. Neben den klassischen Verfahren der kognitiven und Verhaltenstherapie sowie dem analytischen Ansatz kommen auch moderne Verfahren aus der Psychologie der Kommunikation und des Lernens zum Einsatz. 

Die Prokrastination zu besiegen heißt:

Siegen über Bequemlichkeit und Trägheit,
über Unlust und Fluchtreflexe,
über Gewohnheiten und Ängste,
und über noch einige andere unschöne, wenngleich sehr menschliche Schwächen - 
ja, und es stimmt auch hier:
Siegen ist immer auch ein Akt der Selbstverleugnung,
besonders, wenn der Gegner Prokrastination heißt.

 

Informationen:

pro-cras Prokrastinations-Therapie und -Coaching

info@pro-cras.de, 0211 999 1656, 01520 988 7 966