Man muss auch wollen, was man will

Was sich so selbstverständlich anhört, ist oft genug typisch für nicht eingelöste Erledigungsversprechen:
Die Schwierigkeit liegt darin, dass unser Wollen und unser Wille weit weniger mit einander zu tun haben, als das Wort uns glauben macht. Beide aber beanspruchen das Verb wollen für sich und teilen es unter sich auf: ich will, wir wollen. Insgesamt hat das „o“ zwar den größeren Anteil. Aber in meinem Kopf ist das „Präsens-i“ präsenter. Mein „Ich will“ macht mir vor, dass hier mein (fester, unbeugbarer) Wille sich ausdrückt. In Wahrheit handelt es aber wohl ehe um einen Wunsch ohne Anspruch auf Erreichbarkeit, oder ein Vorhaben, das seine Durchführbarkeit auch mental erst noch unter Beweis stellen muss.

So gesehen müsste der Satz in der Überschrift also eher lauten:

Man muss auch willen, was man woll.

Na ja, das wird sich wohl nicht durchsetzen. Hauptsache es wird deutlich, dass nicht nur vor den Erfolg der Schweiß gesetzt ist, sondern auch vor die bereitwilige Absicht eine verlässliche innere Ausrichtung gehört.

Es ist wohl kein Zufall, dass in unserer Sprache die Grenzen zwischen unverbindlicher Absicht und entschlossenem Wille so klar gezogen ist. Entspricht dies doch unserer alltäglichen Erfahrung: „Mögen täten wir scho‘ wollen, aber dürfen haben wir uns net getraut“ (Karl Valentin).

Schopenhauer behauptete: „Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ Wer in die Falle der Prokrastination geraten ist, wird ihm Recht geben. Denn hinter den meisten nicht vollendeten Vorsätzen steht eine Formulierung, die mehr oder weniger deutlich davon spricht, dass man künftig etwas tun (oder lassen) will. Lässt sich das dann nicht auf Anhieb umsetzen, und findet sich das Vorhaben recht bald in einer undefinierten Zukunft wieder, schleicht sich der stille Vorwurf ein: Du hast es einfach nicht genug gewollt – das, was du gewollt hast.

„Ich will jetzt diese lästige Angelegenheit erledigen!“ Schon seit Tagen sage ich mir das, und seit Tagen verschiebe ich den Start auf morgen: Was läuft da – gegen meinen Willen?

Neurobiologen schildern den Ablauf zwischen Vorsatz und Ausführung so:

Bevor ich anfange, durchläuft das Vorhaben eine Art mental/limbisches Probeszenario: Was geschehen  soll, und was als Nebenwirkung geschehen kann, wird vorkonstruiert, auf möglichen Erfolg oder Misserfolg, bereits gemachte Vorerfahrungen und deren emotionale Spuren, auf Zuversicht oder begründbare Ängstlichkeit abgeklopft, mit Kompetenzen  Ressourcen oder Schwächen abgeglichen, bevor es in Aktion umgesetzt wird, wobei es den Stempel erhält: „Gewollt und getan wie gewollt“. Stößt der Erfolgs-Check jedoch auf teilweisen Widerstand, wird das Vorhaben zur Überprüfung zurückgelegt: „Aus wichtigen Gründen nicht zum Wollen freigegeben“.

Manchmal ist der ablehnende Bescheid leicht verstehbar: Eine bestimmte Befürchtung, ein fehlendes Wissen, ein warnender Gedanke lässt uns zögern. Ok, dem kann man abhelfen. Manchmal rückt unser limbisches System aber auch nicht mit der ganzen Wahrheit heraus. Dann fällt schwer, uns in einen Zustand zu versetzen, der dem Wollen genügend Freiheit zum uneingeschränkten Wollen gibt. Das Wollen stößt auf innere Befehlsverweigerung.

Das sind dann die Momente, in denen ein Aufschieben in eine dauerhafte Wiederholungsschleife führt, die wir nicht mehr selber unterbrechen können – weil wir Teil dieses sich selbst reproduzierenden Prozesses sind, und die Bedingungen der uneingeschränkten Willensbildung nicht genug durchschauen.

Das sind dann auch die Momente, in denen pro-cras und das Prokrastinations-Coaching hilft, den versperrten Blickwinkel zu eröffnen. Damit die Kraft des Willens, die auch dem Prokrastinierer ganz natürlich zur Verfügung steht, nicht länger am engeschränkten Wollen scheitert.