Beeile dich!

„Beeil dich und trödel nicht rum!“ – eine Aufforderung, die zielsicher in die Prokrastination führt.

Jedem ist sie schon vorgekommen – vielleicht damals schon, als man in unschuldigen Kindertagen sich gerne für die kleinen Entdeckungen die Zeit gegeben hätte, die im Moment wichtig schienen.

„Beeil dich!“

Mit seiner Vorsilbe „be-“ soll mit dem drängelnden „beeil dich!“ einer Erledigung verstärkend eine „Eile“ hinzugefügt werden, zu der man im Duden liest: „der Umstand, dass Handlungen unter Zeitdruck geschehen (müssen)“. So werden wir ganz früh schon daran gewöhnt, das Phänomen Druck in enger Verbindung mit produktiven Arbeit zu sehen.

Kann man dem überhaupt entgehen?

Offenbar nein – sonst wäre das Aufschieben nicht integraler Bestandteil des privaten, beruflichen, politischen Alltags – und so ist sie eine schlecht angesehene, gleichwohl eher lässliche Sünde, diese so oft angeprangerte „nicht gemachte Hausaufgabe“.

Und was ist daran so schlimm?

Ob etwas schlimm ist oder nicht, entscheidet der Kontext – und die Beurteilung der Folgen. Wenn es mir auf den Zeiger geht, dass ich mich nicht ausreichend mit etwas befassen kann, weil mir ständig die Aufmerksamkeit abgewogen wird, dann finde ich das für mich schlimm – denn das Ergebnis ist allenfalls suboptimal, und es gibt da offenbar irgend etwas, das mir in ständig den Rücken fällt.

„Beeile dich!“, so entsteht Druck –

der Druck, der uns als angeblicher Kraftstoff für noch effizientere Erledigung verkauft wird, der aber nur noch direkter in das Aufschieben eben dieser Erledigung hineinmanövriert. Druck ist keine Lösung, und die Behauptung, dass unter Druck doch die schönsten Diamanten entstehen, lässt die übrigen Parameter leider unberücksichtigt: dass es nämlich neben einem schier unglaublichen Druck auch noch extreme Hitze geben muss, und dass es obendrein noch die Kleinigkeit von 2,5 Mrd. Jahren dauert, bis man sich daranmachen kann, die paar Steinchen mühsam aus einem Haufen Dreck zu fischen.

Die Lösung ist das Problem

Wer versucht, mit noch besserer Planung und Durchstrukturierung seiner Termine (ToDo-Listen, Telefon-Listen, Einkaufslisten, Tagesablaufliste, Listen-Listen…) das Prokrastinieren in den Griff zu bekommen, wird bald feststellen, dass sich sein Problem eher verfestigt als auflöst, dass geschickt weggeplante Aufschiebe-Tendenzen sich durch die Hintertüre wieder einschleichen, dass diese Art von Lösung selber zum Problem wird. Erstaunlich? Eher nicht. Denn die „billige“ Lösungen auf der praktischen Ebene, die allfälligen Prokrastinations-Vermeidungs-Tipps und -Tricks – so schlau sind Sie doch! – hätten Sie längst selber gefunden: Listen, Pläne, „smarte“ Zielsetzungen, schmackhafte „Mohrrüben“, Arbeitsorganisation, Arbeitsplatzorganisation, Arbeitsplatzorganitionsorgansiation – alles längst bekannt aber leider nicht wirksam! Weil nicht das es ist was fehlt. Und

weil Sie nicht wissen wollen, was wirklich fehlt. 

Weil man Ihnen bisher immer gesagt hat, dass Ihnen leider das nötige Benzin fehlt zum Autofahren, aber nicht, dass Sie dafür zunächst einmal ein Auto bräuchten.

Was fehlt?

Menschliches Handeln wirkt umso befriedigender, je mehr es einer maximalen Handlungsökologie entspricht. Hiermit soll nicht einem ideologisch vordefinierten Umweltgedanken das Wort geredet, sondern vielmehr der Standpunkt unterstützt werden, dass ein Verhalten, wenn es denn zielführend sein soll, die Wechselbeziehungen zwischen dem Handelnden und seiner systemischen Umgebung berücksichtigen muss.

Diese ökologische Einbindung erstreckt sich keineswegs allein auf die Anderen dort draußen, sondern und zu aller erst auf die unterschiedlichen eigenen inneren Teammitglieder („Teilpersönlichkeiten“), die oft gar nicht so einfach unter einen Hut zu bringen sind – die vielzitierten „Seelen – ach! – in meiner Brust“, die längst viel mehr als nur zwei geworden sind, und die sich als Antreiber, Motivatoren, Kommentatoren, als Kritiker oder Saboteure in das Geschehen einmischen. Diesen oft vielstimmigen und widerspruchsvollen Chor in die Harmonie einer gemeinsamen Performance zu bringen, ist die Aufgabe einer guten Handlungs- und Entscheidung-Planung – und nicht selten der handfeste Grund, warum eine externe Beratung, ein Coaching oder  ein psychotherapeutisches Gespräch als Unterstützung sinnvoll sein können, wenn der „Chorleiter“ nicht mehr Herr im eigenen Hause ist.