Aufschieben aus Zeitmangel

 

Wieder einmal drei Stunden bei YouTube, in den sozialen Netzwerken oder im RSS-Feed verbracht, die leider jetzt für das eigentliche Thema fehlen? Wieder einmal wichtiges anderes aufgeschoben, weil zu viel Ablenkung sich vorgedrängelt hat? 

Tatsächlich spielt das Aufschieben aufgrund von vertaner Zeit eine zentrale Rolle bei der ungewollten Prokrastination.

Und dies aus mehreren Gründen:

  • weil wertvolle Zeit verloren geht bzw. nicht aufgeholt werden kann,
  • weil die Informationsüberfrachtung („information overload“) den Arbeitsfluss verwirrt und verlangsamt,
  • weil „Breaking News“ und die Furcht, etwas zu verpassen (genannt „FoMO – the fear of missing out“) die Zusammenhänge im Denken und Arbeiten grundlegend unterbrechen
  • weil nicht zu verarbeitende (Negativ-)Nachrichten ein demotivierendes Grundgefühl von Machtlosigkeit, Unzufriedenheit und mangelnder Selbstwirksamkeit hervorrufen.

Der Widerspruch zwischen der Notwendigkeit der Internetarbeit und -recherche einerseits, und der Gefahr, durch überflüssige Informationen, Push-Ups und RSS-Feeds abgelenkt und überfordert zu werden, ist für jeden erst einmal ein Bestandteil seiner heutigen digitalen Welt. Und doch kann er aufgelöst werden: durch einen bewussten Umgang mit diesen Medien. Natürlich gilt auch hier, dass jeder auf seine eigene Weise prokrastiniert und auch de-prokrastinieren muss. Dennoch:

Die Erfahrungen zeigen, dass ein bewusstes vorbeugendes Grundverhalten weiterhilft:

  • Wer ursprünglich auf der Suche nach Literatur für die Masterarbeit war und sich nach drei Stunden Blind Date mit dem YouTube-Algorithmus vor dem Bildschirm wiederfindet, wird eher frustriert sein als jemand, der sich ablenkungsbewusst, vorausschauend und zielgerichtet auf der Videoplattform umschaut.
  • In Lernkontexten und bei der Lektüre anspruchsvoller Texte ist es hilfreich, das Smartphone komplett in der Tasche lassen.
  • Push-Nachrichten bzw. die zu gehörigen Benachrichtigungen lassen sich deaktivieren.
  • Das ist auch je nach Arbeitskontexten für die Benachrichtigungsfunktion der eingehenden E-Mails anwendbar.
  • Hilfreich ist es, soziale Netzwerke ausschließlich beruflich oder fachbezogen zu nutzen, um ohne die Gefahr unnötiger Ablenkung an die dort relevanten Inhalte zu kommen, die tatsächlichen Mehrwert bieten.

Natürlich sind auch Zerstreuung oder Unterhaltung legitime Beweggründe – entscheidend ist bloß, dass man sich darüber klar wird, welches Ziel man gerade verfolgt.

Ob, in wieweit und wie lange tik-tok- oder YouTube-Videos eine entspannende oder bereits süchtig machende Wirkung haben, lässt sich wie für jede andere Art von zu vermutender Abhängigkeit sehr leicht selber austesten: Einfach mal weglassen (z.B. die automatische Wiedergabe deaktivieren) und anschauen, wie es einem dann geht – ob man noch selbst bestimmt oder fremdbestimmt wird.

RSS-Feeds und Newsletters sollten grundsätzlich nicht als vorgeblich wichtige Informationsquelle, sondern als unqualifizierte und unsystematische Störung angesehen werden und als Gefahr, abgelenkt zu werden.

Das möglichst weitgehend zu steckende Ziel heißt: „news avoidance“, der komplette Verzicht auf Nachrichten. Die fällt umso leichter, je deutlicher erkannt wird, dass ein Großteil der Meldungen für das eigene Leben tatsächlich vollkommen irrelevant sind. Sie hinterlassen allenfalls ein Gefühl der Verwirrung und Unzufriedenheit.

„Wenn Menschen das Gefühl haben, Informationen nicht mehr ausreichend verarbeiten zu können, kann das Stress, Verwirrung und Ängste hervorrufen“, schreiben Morten Skovsgaard (Universität Odense) und Kim Andersen (Universität Göteborg) in einer Überblicksarbeit. Es lohnt sich also, schon eingefahrenen Informationsroutinen zu unterbrechen und neue Strategien für eine bewusste Informationsgewinnung im Netz entwickeln.

„Multitasking“

Multitasking ist längst als Illusion enttarnt. Jede Übernahme einer weiteren gleichzeitig zu erledigenden Aufgabe führt nachweislich dazu, dass wir mit unserer Aufmerksamkeit erst mit langer Verzögerung oder auch gar nicht mehr zur ursprünglichen Tätigkeit zurückkehren können. Es gilt also, Multitasking weitestgehend zu vermeiden bzw. deren tatsächliche Notwendigkeit vorher zu klären und einzugrenzen.

In der Selbstreflektion über den Gebrauch oder Nichtgebrauch von ablenkenden Medien kann ein durchaus hilfreicher Gedanke sein, dass hinter dem drängenden Wunsch nach lustreichem Erleben, verbunden mit dem ebenso lustvollen folgenden Entspannen, eine Abfolge bestimmter neuronaler Reaktionen steht, die deutliche Ähnlichkeiten mit einem Abhängigkeitsverhalten zeigt. Auch vor diesem Hintergrund ist eine bewusst einzuplanende Medienkonsumdiät („Social Media Detox“) hilfreich.

Weitere Informationen bitte unter: info@pro-cras.de – 0211 999 1656 – 01520 988 7 966