Prokrastination – die schamblockierte Kreativität

Wer prokrastiniert, steht oft deswegen so fassungslos vor seinem so machtlosen Zustand, weil man normalerweise die Dinge doch ziemlich gut auf die Reihe bringt. Nur eben an diesem einen Thema bleibt man hängen, und nichts geht mehr. Es scheint, als ob die Natürlichkeit und die Kreativität, mit der wir uns sonst den Herausforderungen und Notwendigkeiten des Alltags begegnen, verloren gegangen oder „eingefroren“ sei.

Die Option, sich tot zu stellen oder sich freiwillig der unabänderlichen Katastrophe auszuliefern, ist in der Tat nicht mehr das Ergebnis eines kreativen Prozesses, sondern im Gegenteil ein kraftloses Beiseitestehen, das keinen Zugang zu den schöpferischen, ideenreichen Ressourcen findet, mit denen wir normalerweise den Alltag bewältigen. Sehr oft heißt die auslösende Emotion „Scham“. Sie ist in zweierlei Hinsicht blockierend wirksam: Als Ergebnis eines bereits fortdauernden Aufschiebeverhaltens, das schon Folgen nach sich gezogen hat, und das einen in den Augen der Anderen oder vor sich selbst beschämt.

Und als Ursache für ein ungutes Aufschieben, weil man sich selbst mit der zurückgehaltenen Erledigung nicht an die Öffentlichkeit traut, oder sich selbst damit nicht in Verbindung bringen will.

Wie auch immer unsere Scham sich in den Weg stellt; sie zwingt uns, in uralten Denkmustern stecken und blockiert zu bleiben. Dies ist umso ärgerlicher, als insbesondere Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selber in diese Zwickmühle von Scham und Prokrastination geraten.

Viele Menschen leben in dem ständigen Gefühl, nicht gut genug zu sein, jedem etwas recht machen zu müssen. Sobald sie gemerkt haben, dass das illusorisch ist, erscheint es ihnen attraktiver, ihr Tun nicht mehr nach außen und so in das Risiko der Kritik zu stellen. Die Option der Prokrastination scheint der geeignete Ausweg, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Wenn dann noch die Schlussfolgerung eine „verdiente“ Bestrafung ist, können selbst die schlimmsten Folgen des Prokrastinierens in dieses schlüssige System der Scham in der Prokrastination einbezogen werden. Nicht selten entwickeln sich hieraus Perfektionismus, Süchte, Angststörungen, Schuldgefühle, Aggressivität und ein dauerhaftes Gefühl der Selbst-Unwirksamkeit, das den Teufelskreis der Prokrastination fortbestehen lässt.

Der erste Schritt hier heraus ist, so paradox dies auch klingen mag, die bedingungslose Akzeptanz dieses Gefühls, das wir mit „Scham“ bezeichnen, ihm als Phänomen in die Augen schauen und gleichzeitig wissen: Es ist ein Gefühl, es ist nicht „ich“. Scham zu überwinden heißt, sich klar darüber zu werden, dass ein bestimmtes Wertesystem uns dieses Gefühl verpasst hat, und dass wir uns daraus lösen können. Sobald dies gelungen ist, löst sich auch die ungute Verbindung zur Prokrastination, sodass bereits hierdurch dem Zwang zum unkontrollierbaren Aufschieben der Boden entzogen wird.

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