„Nicht jedes ist zu jeder Zeit möglich, nicht jedes zu jeder Zeit wahr, nicht jedes in jedem Moment gefordert."
- Paul Tillich, Theologe und Religionsphilosoph -

Chronos

„Termine“ heißen neudeutsch nicht ohne Grund „Deadlines“, denn ihre Missachtung kann fatale Folgen haben. „Termine“ sind DIE bemerkenswerten Momente im Fluss der Zeit, der gerne als „Time-Line“, als sich linear entwickelnd vorgestellt wurde. Zuständig bereits bei den alten Griechen war hierfür der Gott Chronos. Wir alle kennen ihn aus Begriffen wie Chronometer oder Chronologie, die sich auf einen regelmäßigen und verlässlichen Zeitabläufe berufen.

Heute ist das Konzept Zeit als gleichmäßiger Fluss nicht mehr haltbar. Das bekommen ganz besonders prokrastinierende Menschen zu spüren. Für sie ist die sich immer neu rhythmisierende Außen-Zeit nicht hinreichend „synchronisierbar“ mit dem eigenen inneren Zeiterleben. „Termine“, Vorhaben, Ereignisse und Entscheidungen finden für sie keinen klaren und verbindlichen Platz im Laufe ihrer Zeit. Die Positionierungen erfolgen freibleibend, indem beliebig Zugriff genommen wird auf Bereiche der Vergangenheit („das Rad zurückdrehen“) oder auf die Zukunft („prokrastinieren“, „auf morgen vertragen“).

Kairós

Jedes Ding hat seine Zeit. Einerseits, weil Zyklen sich in der Zeit wiederholen, andererseits, weil manches in seiner Art einmalig ist. Auch dies haben die alten Griechen in einer Götterfigur anschaulich gemacht: Kairós. Ein geflügelter Genius, der sich schnell nähert, mit einem dichten Haarschopf auf der Stirn und einem glatt rasierten Schädel am Hinterkopf. Er ist damit Sinnbild des richtigen Moments, der unvermittelt auftaucht, und den man entschlossen „beim Schopfe packen“ muss, da es sonst nichts mehr zu greifen gibt. Ein nicht ergriffener Kairós bringt dann in den Fluss der Chronos-Zeit, aus dem er entsteht, nicht die sich anbahnende Veränderung – eine Veränderung aber bringt er auf jeden Fall. Als potenzieller Ereignisauslöser trägt Kairós daher auf der Schneide eines Messers die Schicksalswaage des Menschen vor sich her.

Die Furcht vor der Endgültigkeit der Entscheidung, die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. und deswegen nicht zu entscheiden, die Blindheit und die Reaktionsschwäche gegenüber dem Moment der Entscheidung, auch die Anwesenheit von entscheidungshemmenden oder -verhindernden Strukturen heißt dem entsprechend Kairophobie.

„zeitnah“ ist nicht „sofort“

Gelegenheiten und Momente der Entscheidung entstehen nicht aus dem Nichts, erscheinen dennoch plötzlich und sind nicht beliebig verfügbar. Sie zu nutzen erfordert ein geistesgegenwärtiges Handeln. Unser heutiger Sprachgebrauch hat dafür das Wort „zeitnah“ entdeckt, womit meistens ausgedrückt werden soll: „Erledigung nicht sofort, aber sobald es nach eingehender Prüfung möglich ist“.

Geistes-Gegenwärtigkeit im Handeln ist immer auch Zeit-Bewusstheit. Entsprechend gibt es ein eigenes Erledigen bzw. Entscheiden tatsächlich nur für solche Menschen, die im „Hier und Jetzt“ sowohl einen Zweck verfolgen als auch über die Kapazitäten verfügen, um dieses potenziell zu erreichen.

Zweck und Kapazitäten sind grundsätzliche Voraussetzungen, derer man sich vergewissern sollte, und die man nötigenfalls (wieder-)herstellen kann. → LEZ GO!

pro-cras-Interventionen

legen Wert darauf, dass Menschen, die aus bestimmten Gründen „aus der Zeit gefallen“ sind, oder die nie in ihrem Jetzt angekommen sind, mit mehr als nur mit Tipps und Tricks versorgt werden. Hier können sie lernen und für sich austesten, einen eigenen Platz in ihrer Zeit zu finden – ohne Rückfall ins Gestern und ohne Vorgriff auf ein ungewisses Morgen. Einfach jetzt.