Aufschieben kann glücklich machen,

jedenfalls in einem kurzen Moment der Erleichterung, bis das ungute, oft elende Gefühl sich wieder durchsetzt. Mit diesem Mechanismus rückt das Prokrastinieren in die Nähe eines süchtigen Verhaltens. Dabei meinte das Wort mit seiner lateinischen Herkunft ursprünglich etwas sehr Positives: Eine weise Strategie, die Demonstration von Geduld und Ausdauer, Abwarten und Teetrinken. Wir nennen das ein funktionales Aufschieben.

In der heutigen enggetakteten Welt steht Prokrastination nur noch für ein negatives Nicht-Handeln, für Vermeidungsverhalten, Unpünktlichkeit und Bequemlichkeit, also für eine dysfunktionales, schädliches und selbstschädigendes Aufschieben.

Prokrastination ist das nicht rational begründbare Aufschieben wichtiger Erledigungen, und erweist sich als eine Handlungs- oder Entscheidungsstörung mit großem Leidensdruck und erheblichem sozialem, psychischem und psychosomatischem Gefährdungs- und Gewöhnungs- sowie breitem Komorbiditätspotenzial. Trotz vielfältiger Erkenntnisse auf diesem Gebiet gibt es noch immer keine klare und einheitliche Diagnostik. Es wird aber davon ausgegangen, dass es neben den Aspekten der Impulsivität auch weitere Anteile wie etwa anankastische, narzisstische, affektive und Störungen der Anpassung gibt – eine „abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle“.

Das Spektrum möglicher Komorbiditäten erstreckt sich über Kriterien der Bereiche der affektiven Störung, der neurotischen Belastung, der Essens- und Schlafstörung, der diversen Störungen der Persönlichkeit und des Verhaltens, der Intelligenz und der Aufmerksamkeit. Die Mehrdimensionalität und die Breite des Störungsbildes der chronischen Prokrastination berührt die Bereiche der Entscheidungsfindung, Volitionsstörung, Störung der Selbststeuerung bei aversiven Widerständen (Unlust, Ablenkung), Störung der Aufmerksamkeitssteuerung, der Handlungsplanung, der emotionalen Verarbeitung, auch psychische Anpassungsstörungen können beteiligt sein.

Diagnostisch zu unterscheiden wäre die „akademische“ Prokrastination, sofern sie lediglich ein misslingendes Zeitmanagement abbildete. In der Regel ist jedoch diese so genannte „Studentenkrankheit“ kein isoliertes Planungsdefizit, sondern kann lavierte Störungsbilder aus den Bereichen F3, F4, F5, F6, F7 u./o. F9 des ICD-10 enthalten.

Dennoch zählt Prokrastination nicht zu den in den internationalen Klassifikationen gelisteten (und durch die Krankenkassen abrechenbaren) Krankheiten und Störungen.

Pathogenese und Ätiologie sind nicht eindeutig gesichert. Genetische Disposition wird ebenso wie operante Konditionierung und lebensgeschichtliche Auslöser (Aversion en) beobachtet.

Prokrastination hat in beruflichen, privaten und schulischen Kontexten eine Prävalenz von bis zu 25%, als „akademische“ Prokrastination von bis zu 95%;

eine prädiktive Validität zu sozialwissenschaftlichen Bereichen besteht durch z.T. exzessives selbstschädigendes Verhalten und das nicht steuerbare Verweigern, Verzögern oder Verunmöglichen von administrativen Vorgängen; bildgebende Untersuchungen weisen auf funktionelle und strukturelle Beteiligung neuronaler Netzwerke hin, die an der Entscheidungsfindung beteiligt sind.

Prokrastination, also das Nicht-Entscheiden oder Nicht-Handeln und Verschieben wichtiger Aufgaben hat für den Einzelnen und für die Gesellschaft weit reichende Folgen. Kurzfristige Pläne ebenso wie ganze Lebensentwürfe werden nicht realisiert, nicht wahrgenommene Zahlungs- oder Kündigungstermine lassen übergroße Verpflichtungen entstehen, gesundheitliche Gefährdungen lassen sich in großem Maße auf nicht getroffene Entscheidungen zurückverfolgen.

In beruflichen Kontexten oder akademischen Ausbildungsgängen wird der Prokrastination gerne eine Ursache im Zeitmanagement zugewiesen. Doch zeigt sich beim genauen Hinschauen sehr bald, dass nur deswegen so großzügig mit der Zeit umgegangen wird, weil andere, tieferliegende Verursacher nicht wahrgenommen werden. Oft sind es sog. „motivationale Interferenzen“, die als Gegenspieler zur oberflächlichen Motivation im Wege stehen. Dann haben nicht nur gutes Zureden, sondern sogar Bestrafungen keine echte nachhaltige Chance gegen eine derartige innere, oft gar nicht erkannte Sabotagehaltung.

Behandelbarkeit / Therapie

Bei pathologischer/chronischer Prokrastination besteht eine hohe Therapienotwendigkeit, während die Betroffenen auf ein nur begrenztes spezifisches Therapieangebot stoßen.

Eine allgemeine Behandlungstheorie zur Prokrastination liegt bisher nicht vor, sodass, wenn es überhaupt zu einer Behandlung des Störungsbildes kommt, eher Symptome aus den Komorbiditäten (z.B. Depression, ADHS, Zwangsstörung) behandelt werden als das Gesamtsyndrom „Prokrastination”.

Die von mir im Rahmen meiner Prokrastinations-Schwerpunktpraxis pro-cras entworfenen Coaching-Verfahren stellen ein speziell für die Prokrastination abgestimmtes Behandlungsmanual bereit und werden entsprechend der internationalen Prokrastinationsforschung ständig weiterentwickelt.

Methodisch wird ein modularer Behandlungsweg beschritten. Er führt von der allgemeinen Beratung, Differenzialanamnese/-Analyse und therapeutischen Edukation über praktisches Organisationstraining und Mentoring bis zur Heilbehandlung der psychotherapeutisch erreichbaren Ursachen (psychodynamisch/tiefenpsychologischer und verhaltenstherapeutischer und systemischer Ansatz) sowie zur Betreuung eventueller Anpassungsstörungen als Folgen pathologischer Prokrastination.

Weitere Behandlungscharakteristika sind:

  • kognitiv/behaviorale Strategien, graduierte Expositionen mit Reaktionsverhinderung (Inhibition), Training motivationaler und volitionaler Strategien, auch mit hypnotherapeutischen Methoden, Training des Entscheidens in den kritischen Stadien von Handlungsprojekten, Alltagsimplementierung und Rückfallprophylaxe, sowie
  • begleitende Testverfahren und
  • hypnotherapeutische und limbische Verfahren.
  • Es werden keine Pharmakotherapien eingesetzt oder vorgeschlagen.
  • Die Behandlungsdauer ist abhängig von der Komplexität des individuellen Störungsbildes. Grundsätzlich wird auf eine baldige Wiederherstellung der verlorenen Handlungs- und Entscheidungsautonomie Wert gelegt. In der Regel sollte ein deutlicher Behandlungserfolg spätestens nach 20 Sitzungen zu verzeichnen sein.

Das erreichbare und angestrebte Ziel der Behandlung ist die vollständige und nachhaltige Überwindung des dysfunktionalen Aufschiebe-Verhaltens.