Gewinnspiel

Gewinner ist:

Wer aufschiebt, hat scheinbar das große Los gezogen:  Er/sie fühlt sich erleichtert, hat drohenden Frust vermieden, ein aufkommendes Bedrohungsgefühl abgestellt, Zeit und Aufschub gewonnen und darf sich beruhigt zurücklehnen.

Sekundärer Gewinn:

Als Draufgabe bietet das Aufschieben noch eine zweiten Gewinnchance, und die liegt in der positiven  Außenwirkung des Aufschiebers: man ist um einiges entspannter, cooler, hat mehr Zeit für Gemeinsames mit Anderen oder für Andere. Die Sorgenfalten glätten sich, man wendet sich den angenehmen Dingen des Lebens zu – sollen die Probleme sich doch ruhig noch ein bisschen gedulden.

Die Anderen drumherum, die Kollegen, Freunde, Familie, sie haben zunächst ihre helle Freude an dieser scheinbaren Aufgeräumtheit. Und in dieser positiven Atmosphäre geht es auch dem Aufschieber richtig gut.

Dritte Gewinn-Stufe:

Wenn dann doch das Prokrastinations-Kartenhaus irgendwann in sich zusammenfällt, muss das beileibe nicht das Ende bedeuten: Die (seinerzeit von Freud entworfene) Theorie des doppelten Krankheitsgewinns hat noch eine weitere, eine dritte („tertiäre“) Gewinn-Stufe dazu bekommen, die folgendermaßen funktioniert:

Dem gescheiterten Prokrastinierer gelingt es nicht selten, gegenüber den Anderen, den „betroffenen“ Kollegen oder Angehörigen sich als Opfer der Umstände darzustellen und sie so zu Mitleid und aktiver Hilfsbereitschaft anzuregen –  was sich einerseits  für den Prokrastinierer, dann aber auch für das neu beschäftigte Helfersyndrom als höchst segensreich erweist.

Vierte Gewinn-Stufe:

Aufschieben ist ein Verhalten, das mit menschlichen Handeln schon immer eng liiert war. Für diese „normale“ Einschränkung der Handlungsfreiheit den Schwarzen Peter dem Prokrastinierer alleine zuzuschieben ist nicht ganz fair. Denn wir alle leben in einer „Kultur des Aufschiebens“: Schulaufgaben wurden immer schon schnell noch auf dem Schulweg oder in der Pause hingekritzelt, Politikern sagt man öffentlich nach, auch sie hätten ihre „Hausaufgaben“ nicht gemacht, wir alle lernen immer nur viel zu spät aus unseren Erfahrungen, und Langgeplantes erwischt uns regelmäßig auf dem letzten Drücker („Jo – ist denn heut‘ scho‘ Weihnacht’n!?“).

Indem sich der gewohnheitsmäßige Aufschieber mit seinem Nicht-Tun dem allgemein Üblichen, dem Mainstream anpasst, sichert er doch eigentlich nur sein Überleben in einer sozialen Umgebung, die ihrerseits den perfekten „Streber“ nur allzu gerne voll auflaufen lässt. Hierin könnte man also einen vierten („quartären“) Gewinn erkennen, wodurch die  Aufschiebe-Gewohnheit sich eine weitere Berechtigung zuschreiben kann.

Wer ist tatsächlich Sieger?

Sind bei so vielseitigem Nutzen des Aufschiebens der Kampf und alle Argumentationen gegen die Prokrastination somit gescheitert? Ich meine nein, denn es bleibt nach wie vor persönlich und gesellschaftlich sinnvoll, sich stets so zu verhalten, dass man sich und vor allem den Anderen nicht schadet. Und das entscheidet sich nur im autonomen, bewussten Umgang mit den anstehenden Aufgaben.

Und auch für das Aufschieben gilt die Regel, dass stets die Dosis das Gift ausmacht.

Wer sich also in die Lage versetzt, autonom und bewusst seine Entscheidung zum Tun oder Nicht-Tun zu treffen, darf sich auf jeden Fall als eigentlichen Gewinner in seinem „Handlungs-Spielraum“ betrachten.