Fallbeispiel

Es sind oft die kleinen Situationen des Alltags, die uns aufschieben lassen, und die sich später zu unerledigten Bergen auftürmen. Sie können den Umgang mit Ihnen zusammen mit uns trainieren, Sie können aber auch die die pro-cras-Tools für die Selbstanwendung nutzen. Wie wir sie einsetzen, soll mit folgendem Beispiel verständlich gemacht werden.

Der Anlass:

Letzte Woche bekam ich von meinem Telefonanbieter meine monatliche Rechnung, diesmal aber nicht über die regelmäßigen 19,99 €, sondern unerwartet über 26,54 €. Warum? Die angehängte PDF-Datei enthüllte ein 7-seitiges Rechnungsformular mit 45 unterschiedlichen Rechnungsposten und -unterposten, Zuschlägen, Abzügen, Zwischensummen, Verweisen auf Vertragsbestandteile etc. – der reinste HORROR.

Ich sollte natürlich überprüfen, ob das alles seine Richtigkeit hat. Aber wollte ich für die knapp 7 € Differenz mir das wirklich antun und alles nachvollziehen? Ich mochte das nicht entscheiden und hab’s vor mir hergeschoben. Jeden Tag wieder „auf morgen“. Und jetzt liegt es immer noch in meinem Posteingang, ärgert mich und wird zum Prüfstein meiner eigenen Prokrastinations-Empfehlungen, die ich jetzt exemplarisch aufzeigen will.

Wie kann ich vorgehen?

Als erstes mache einen schnellen LEZ GO!-Durchlauf – nicht Grundsätzliches, keine Tiefenanalyse, nur eine kurze Bestandsaufnahme der Situation – 2 Minuten, nicht mehr:

L-Frage: Muss ich noch etwas lernen, bevor ich anfangen kann? Definitiv ja, z.B.: Auf welche Verträge wird Bezug genommen, kenne ich die, wo finde ich sie? Bin ich mir über meine Telekommunikationsverträge wirklich im Klaren?

Meine Antwort

Grundsätzlich kein Problem, ich weiß, wo der Ordner steht, kenne die Vertragsnummer , weiß, wo ich im Internet zu suchen habe. Und doch: Nicht alles ist wirklich klar und sollte überprüft werden. Achtung: Eine Erledigungsbremse? Gibt es da „Leichen im Keller“? Ausgraben!

E-Frage: Welche Emotionen sind im Spiel? Ich spüre den Solarplexus, und ich weiß: Rechnungen u.ä., überhaupt „amtliche“ Papiere haben negative Erinnerungen hinterlassen; auf Formulare bin ich negativ „geprimt“. Die momentane ablehnende Haltung überrascht mich also nicht, ich will sie aber auch nicht länger akzeptieren.

Meine Antwort

Ich muss aktiv und bewusst daran denken und gegensteuern: Tief durchatmen und einmal kurz „Merde!“ fluchen hilft mir oft.

Z: Wie sind Zielformulierung und Motivation? Weiß ich, was ich will, und was ich mir davon verspreche, wenn ich dieses Controlling mache?

Meine Antwort

Definitiv: Ja! Ich will mein Postfach aufräumen, und ich will nicht mehr bezahlen als unbedingt nötig. Vielleicht finde ich ja einen Fehler zu meinen Gunsten? Ich will dem Prokrastinieren keine einzige Chance mehr geben. Und ich will diesen Sieg feiern.

G: Bin ich gesund und fit? Ich kenne das bei mir: Formulare, Rechnungen und Mahnungen lassen immer mal Übelkeits- und Müdigkeitsgefühle in mir hochkommen. Manchmal regelrechte Lähmungserscheinungen: Alles wehrt sich, daran zu gehen. Alte Geschichten. Kenne ich.

Meine Antwort

Ich weiß inzwischen auch, dass ich mich in solchen Fällen nur kraftlos fühle, es aber nicht bin. Ich weiß, dass diese Gefühle sofort verschwinden, sobald ich mich in das hässliche Thema verbissen habe (kenne meine pedantischen Terrier-Qualitäten und meinen Ehrgeiz als Dauer-Ressourcen). Es geht also nur noch um den ersten aktiven Impuls der Trägheitsüberwindung. Wo kann der herkommen?

 

Hier soll ein neues Priming helfen. Welches war das alte? Wie kann das neue aussehen?

O: Die Arbeits-Organisation erweist sich als ein dicker Brocken: Das Rechnungsschreiben ist unübersichtlich und komplex aufgebaut, auf dem Bildschirm mühsam zu bearbeiten. Ich sollte es mir ausdrucken, und ich weiß, der Drucker macht Probleme, schreckt mich ab..

Meine Antwort

Den Drucker anwerfen: Die Patrone ist schwach, der Papiereinzug macht regelmäßig Probleme. Das ist jetzt der Moment, das i  Ordnung zu bringen.

Darüber hinaus sollte ich mir einen Ort auf dem Schreibtisch und in meinem Tagesgeschehen freischaufeln. Und schon wieder stellt sich die Frage: wofür?

 

Vorsichtshalber zurück auf Z!: Lohnt sich der Aufwand überhaupt? Ja! Denn ich sollte schon wissen, weswegen sich da jemand an meinem Konto bedient.

!: Konzentration! Ablenkung ist keine Lösung, ebensowenig wie Aufschieben: Entweder ganz tun oder ganz lassen. Welche Ablenker können sich aufdrängen?

Meine Antwort

Überprüfung: Was geht mir durch den Kopf, was vorher noch dringend erledigt werden müsste? Mittagessen vorbereiten, Klientendossiers nacharbeiten, Weihnachtspost schreiben? Es gibt immer etwas zu tun!

 

Notfalls zurück zu O: Tagesplanung eventuelle anpassen?

Fazit:

Der LEZ GO!-CHECK hat gezeigt: Ich brauche dringend einen brauchbaren strukturellen, räumlichen und zeitlichen Space, und ich brauche eine abgesicherte Motivation.

Ich kann eine innere Befriedigung  erwarten, wenn ich es erledigt habe, vielleicht auch einen materiellen Erfolg, zumindest Klarheit für die künftigen Rechnungen. Es lohnt sich also.

Es gibt ein altes, kontraproduktives Priming. Ich tausche es aus gegen ein neues, situationsgemäßes und positives Priming, das ich leicht zur Hand habe und das den Durchblick erleichtert, die Lupe.

Meine doppelte Zielbeschreibung:

  1. 1. Mein „HVE“ -Ziel  (siehe→ https://www.pro-cras.de/welche-ziele-bringen-uns-weiter/) für meine innerliche Ausrichtung vor der Erledigungs-Entscheidung soll sein: Die Installation eines guten Gefühls, ein „strukturiertes“ und bedenkenfreies Herangehen, die Schaffung eines befriedigenden Ergebnisses, und: vor allem den Durchblick bekommen!

Dafür hilft mir:

  • Mein altes priming (Mahnschreiben und Existenzangst) ad acta legen: Dieses Schreiben ist keine Mahnung, und der Betrag ist nicht gefährlich.
  • Ein neues priming einrichten: Ich bin jetzt der Durchblicker. Dafür prime ich mich mit der Lupe. Das gibt mir Sicherheit.

Beides bewirkt, meine Entscheidung für die Erledigung der Aufgabe emotional abzusichern und neu zu fokussieren.

  1. 2. Meine Handlungs-Zielefür die Durchführung nach der Entscheidung klar, das beißt „smart“ zu formulieren:
  • spezifisch: es geht nur um Klärung dieser vorliegenden Rechnung,
  • messbar: das Ergebnis kann ich vergleichen,
  • attraktiv: Ordnung im Posteingang schaffen, eventuell Geld retten,
  • realisierbar: bin schlau genug: krieg ich hin,
  • terminiert: mehr als 20 Minuten will ich nicht opfern; tonisierend: lässt mich wachsen.

Mein Durchführungsplan:

6 Minuten konzentrierte Vorbereitungszeit für folgende Erledigungen:

  • Ordner bereitlegen
  • Platz schaffen
  • Drucker vorbereiten und
  • PDF drucken
  • Lupe primen

und 20 Minuten konzentrierte Beschäftigung mit der Rechnungsüberprüfung

Die Lupe ist hier mein Prime für genaues Hinschauen, Entdeckerlust, Finden und Nutzen, und gibt der Arbeit eine neue Dimension.

Das will und kann ich heute und jetzt erleben. Wegen Prokrastination müsste ich darauf verzichten.