Prokrastination

"Manchmal gehe ich umher und bemitleide mich,
und die ganze Zeit
tragen mich mächtige Winde über den Himmel"
                                                                        aus Robert Bly: Eisenhans

Prokrastination ist

mehr als nur einfach "Aufschieben": Prokrastination ist ein zwanghaftes und abhängiges Verhalten, das Projekte, kleine Pläne und großartige Entwürfe in der Banalität des Nicht-Begonnenen, des Nicht-Durchgehaltenen und des Nicht- Zuendegebrachten erstickt. 
Und doch steht in diesem "morgen" immer auch die Aussicht auf Entscheidung und Verwirklichung.

eine Verführung mit vielen Gesichtern

Menschen, die von den süßen Versprechungen der Prokrastination in eine Sackgasse geführt wurden, beschreiben in der pro-cras-Praxis ihre Empfindungen als eine irritierende Gleichzeitigkeit von

Lust und Frust,

Spannung und Entspannung,

Angst und Zuversicht,

Erleichterung und bitterer Enttäuschung über ein sich immer wieder erneuerndes persönliches Versagen.

Die Vielfalt dieser Wahrnehmungen kreiert sehr unterschiedliche Erklärungsmodelle. Sie können dem Betroffenen helfen, seine Überzeugungen zu diesem Verhalten in Bewegung zu halten und seine individuellen Prokrastinations-Motivation neu zu deuten. In diesem Sinne sind die Erklärungsmodelle in erster Linie so etwas wie

Behauptungen:

·         1. Die verbreitetste unter ihnen ist die Vorverurteilung: Prokrastinierende seien faul, bequem und charakterschwach, schlecht organisiert, falsch motiviert. Sie sind für eine positive Veränderung leider völlig unbrauchbar.

Weitere Arbeitshypothesen sind:

·         2. Prokrastination ist ein gelerntes Verhalten im Sinne der klassischen (Pawlowschen) Konditionierung und somit jederzeit "verlernbar".

·         3. Prokrastinationsverhalten ist in einer genetischen Veranlagung begründet und somit nicht veränderbar.

·         4. Prokrastination ist gehirntechnisch der Ausdruck einer Dysbalance zwischen kortikalen und subkortikalen neuronalen Systemen.

·         5.  Den Aufschiebenden fehlt eine wichtige praktische Fähigkeit/Fertigkeit bzw. persönliche Eigenschaft – oder sie haben zu viel davon.

·         6. Prokrastinierende sind in einem Konflikt/Widerstands-Loop gefangen.

·         7. Aufschiebende beschäftigen sich heute lediglich mit den Folge-Symptomen einer Prokrastinations-Problematik von gestern.

·         8. Prokrastinierende durchleben einen psychologischen Externalisierungs-Prozess ihrer internén Konflikte.

·         9. Prokrastinations-Überwindung erfolgt durch die Auflösung einer erstarrten Entweder-oder-Sicht zugunsten eines prozessualen Sowohl-als auch-Verhaltens.

·         10. Prokrastination ist Ausdruck einer angstneurotischen Störung.

·         11. Prokrastinierende leiden unter depressiv-masochistischen Zuständen, die mit der Reinszenierung negativer biografischer Konstellationen in Verbindung stehen.

·         12. Prokrastination ist ein typisch abhängiges Verhalten (Aufbau und Lösung einer intrapsychischen Spannung, zunehmende Häufigkeit und Gewöhnung).

·         13. Nachhaltige Prokrastinationsüberwindung wird erschwert durch die Hartnäckigkeit der Symptome und rezidive Tendenzen (kommt immer wieder).

·         14. Prokrastination kann nur deswegen geschehen, wenn/weil es eine Umgebung gibt, die dieses Verhalten ermöglicht bzw. duldet (z.B. durch das Ausbleiben sofortiger negativer Folgen).

·         15. Die äußerliche Passivität in der Prokrastination ist als Defizit/Dysfunktionalität falsch verstanden. Hinter ihr verbirgt sich vielmehr ein aktives, unbemerkt mobilisiertes Handeln, das es zu würdigen gilt („Funktion der Dysfunktionalität“).

·         16. Prokrastination ist Teil einer psychischen Verteidigungslinie, ein taktisch-strategisches Instrument, eine ressourcen-ökonomische Notwendigkeit.

·         17. Das Risiko zu prokrastinieren ist allen Menschen gegeben: Menschen bewegen sich stets innerhalb einer Entscheidungs-Bipolarität, die unter bestimmten Bedingungen zu einer rigiden Dilemmatik mutieren kann.

·         18. Prokrastination soll als neurotischer (Nicht-)Verarbeitungsmodus innerhalb einer unbewussten hilfesuchenden Selbstinszenierung verstanden werden.

·         19. Hinter dem Wunsch nach Nicht-Erledigung steht eine nicht oder nicht überzeugend abgeschlossene Diskussion der persönlichen Werte.

·         20."Aufschieben" ist gleichbedeutend mit "Zeit-Kreditaufnahme". Die Zinsen sind exorbitant: Sie bestehen aus Lebenszeit. Und die Eintreiber gnadenlos. 

Diese und alle sonstigen Erklärungsmodelle sind keineswegs richtig oder falsch. Sie sind lediglich Teil des individuellen Prokrastinations-Modells. Und sie sind immer eine hervorragende Ausgangsbasis für eine erfolgreiche Prokrastinations-Behandlung.

Option 1: Selbsthilfe des/r Betroffenen durch realistische Selbsteinschätzung

Stellen und beantworten Sie sich die Frage: Was frustriert mich im aktuellen Fall, was fehlt, was ist zu viel? Nehmen Sie sich Papier und Bleistift und gerne 15 Minuten Zeit, um wirklich alle Antworten, die da kommen wollen, zu notieren unter den folgenden Blickwinkeln:

  • Was kann ich dafür selber beisteuern, was muss von außen kommen?
  • Welche sind meine offenen oder versteckten Befürchtungen? Welche alten Narben melden sich da?
  • Unterstützt oder torpediert mein aktuelles Vorhaben meine höchsteigenen Ziele oder Werte?
  • Habe ich mich bereits damit abgefunden, mich selber aufzugeben und alles bzw. alle um mich herum mit in den Abgrund zu ziehen?
  • Könnte ein fachlich versiertes Gespräch hierüber hilfreich sein, und mit wem könnte ich das führen? Und was würde mein Partner/meine Partnerin davon halten?

Option 2: Unterstützung durch Coaching bzw. Prokrastinations-Therapie

Wenn es auf eigene Faust nicht mehr gelingt, sich am „eigenen Schopf“ aus den Fängen der Prokrastination zu befreien, ist die Inanspruchnahme fachlicher Hilfe nicht mehr vernünftig. In der Vorbereitung einer Veränderungsbegleitung können die o.g. Arbeitshypothesen hilfreich sein. Ein ersten – auf jeden Fall kostenfreies – Orientierungsgespräch wird den für Sie richtigen Weg aufzeigen, wie Sie am besten wieder zurück zu Ihrer Handlungs- und Entscheidungsautonomie finden.

Coaching oder Psychotherapie?

Coaching ist ein individuelles Training der fachlichen, persönlichen und sozialen Kompetenz. Die Klienten sind in einer psychisch stabilen Grundverfassung. Es kommen überwiegend psychologische und Methoden aus der Kommunikationswissenschaft zum Einsatz. Sie helfen, die vollständig vorhandenen mentalen und kreativen Ressourcen zu (re-)aktivieren und weiter zu stärken.

Psychotherapie hat das (im Orientierungsgespräch gemeinsam ausformulierte) Ziel, aktuelle psychische Störungen, die mit einem bestimmten Krankheitswert erfahren werden, zu lindern, und die psychische Gesundheit wieder herzustellen. Auch hier geht es um die Aktivierung von Ressourcen, aber auch um Neudefinition und -Bewertung in alten Problembetrachtungen, um Veränderungen im automatisierten Verhalten, um Motivationsklärung, und um die Fähigkeit zur autonomen Problembewältigung. Neben psychotherapeutischen Methoden wird die Therapie von Reflexion und praktischen Übungen begleitet.

Coaching und psychotherapeutische Behandlungsansätze haben für die Veränderung belasteter Lebenssituationen  ein sich gegenseitig ergänzendes Verbesserungspotenzial.

Meine Philosophie

Meine Grundauffassung als Coach und Therapeut ist geprägt von einem humanistisch ausgerichteten Blick auf den einzelnen Menschen, der in seinem Prokrastinieren nicht länger als defektuös, gehandicapt oder „gestört“ wahrgenommen wird, sondern allenfalls als ein in ungelösten Widersprüchen und Antinomien verfangenes Individuum.

Prokrastination ist in seiner enormen Bandbreite zwischen normalem bis zwanghaftem Verhalten eine Herausforderung an jeden Betroffenen, ganz sicher auch für den Therapeuten. Die tägliche Erfahrung, wie sehr ein solches unbeherrschbares Verhalten den Lebensweg des direkt Betroffenen, aber auch der unmittelbaren und weitläufigeren Umgebung in einen schädlichen Teufelskreis ziehen kann, ist für mich die übergeordnete Motivation für meine therapeutischen Interventionen: „Indem wir den Einzelnen heilen, heilen wir die ganze Welt“ – wobei, und das muss klar sein, nicht die Krankheit, die Störung, das Phänomen „geheilt“ wird, sondern die Bereitschaft und die Fähigkeit, (wieder) Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.

pro-cras bedeutet Beratung, Coaching und profunde Prokrastinations-Therapie.